(griech. dialektike techne: "Kunst der Unterredung")
Philosophischer Begriff, der im Verlauf der Philosophiegeschichte mehrere Wandlungen erfuhr.
Bei Sokrates und seinem Schüler Platon
wird die Dialektik zur Methode der gemeinsamen Wahrheitsfindung über
den philosophischen Dialog. Verschiedene Positionen werden
gegenübergestellt, widersprüchliche Meinungen werden überwunden, die
Wahrheit in Form der reinen Ideen wird gefunden. Die Dialektik ist also
der Weg von der Realität der Formen oder Erscheinungswelt zurück zu den
diese begründenden Urideen. Er entspricht dem Weg des Philosophen aus
der Dunkelheit zum Licht, den Platon in seinem berühmten
Höhlengleichnis beschrieben hat.
Seit Aristoteles bis weit in die Philosophie des
Mittelalters hinein gilt die Dialektik als Sozialbereich der Logik, in der es
um die Technik der Abwägung von Für und Wider sowie die logische
Entscheidungsfindung in philosophischen Fragen geht.
Fichte und insbesondere Hegel entwickelten anknüpfend an Platon die
Lehre des dialektische Dreischritts, wonach das Bewusstsein oder der
Geist sich durch Widersprüche hin zur Synthese weiterentwickelt. Auch
bei Hegel entwickeln sich die Ideen in einem dialektischen Prozess,
wonach jede Setzung (These) schon ihre Gegenidee (Antithese ) aus sich
hervorbringt und sich beide in einer höheren Einheit (Synthese)
aufheben bzw. gegenseitig vereinigen. Da bei Hegel Ideenwelt (Denken)
und Wirklichkeit einander entsprechen, ist die Dialektik das innere
Entwicklungsgesetz sowohl der Ideen als auch der Wirklichkeit, also
auch der Natur und der Geschichte. Karl Marx hat diesen Gedanken auf
die wirtschaftliche gesellschaftliche Realität übertragen und damit
das System des dialektischen Materialismus begründet.
Dialektische Methoden des Denkens wurden aber
bereits in der indischen Philosophie und im Buddhismus entwickelt. Sie
sind universelle Methoden des philosophischen Denkens und Erfassens.
Der Grund liegt wohl darin, dass sowohl die uns begegnende Welt als
auch das menschliche Bewusstsein dual angelegt sind. Alles was uns
begegnet, offenbart sich innerhalb zweier Pole, wie z.B. hell und
dunkel, heiß und kalt, oben und unten, Mann und Frau, Leben und Tod,
Gut und Böse, Ich und Du usw. Es verwundert daher nicht, dass unser
Bewusstsein, um sich in dieser Welt der Dualität zurechtzufinden und
vielleicht über sich hinaus zu wachsen, eine Methode des Umgangs mit
ihr entwickeln musste, nämlich die Dialektik. Sie ist damit – wie schon
bei Platon und Sokrates – Weg und nicht Ziel des Geistes.
Autor: Helmut Müller
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