CuChullin PDF Drucken E-Mail


Der irische Held


Als CuChulinn sieben Jahre alt ist, hört er, wie der eben vorübergehende Druide Cathbad zu seinen Schülern sagt: „Wenn heute ein kleiner Knabe die Waffen empfinge, so würde er ein weitum berühmter Krieger werden. Er würde nicht lange leben, doch sein Ruhm würde die Zeiten überdauern.“ Da tritt CuChulinn vor seinen König und fordert von ihm die Waffen. Doch alle Schwerter und Speere, die ihm angeboten werden, zerbricht der Knabe. Erst als er des Königs eigene Waffen in Händen hält, ist er zufrieden. Cathbad, der hinzukommt, wiederholt seine Prophezeiung. „Und wenn mein Leben nur einen Tag und eine Nacht dauerte, wichtig ist mir allein meine Bestimmung“, versichert CuChulinn. Damit besteigt er Conchobars Kampfwagen und befiehlt dem Lenker, sofort einzuspannen und abzufahren.

Einleitung

CuChulinn als der Paradeheld im irischen Mythos zeigt sich uns als Symbol der menschlichen Verwandlung, der Kraft seines Selbstbewusstseins den Weg in das Neue und Unbekannte wagt und sich nicht hinter übertriebener Vorsicht, komplizenhaftem Schweigen und farbloser Anonymität versteckt. Die Reise des Helden birgt unendliche Gefahren und Hindernisse, am Ende der Reise vermag er jedoch den Schatz zu heben: die Entdeckung seiner wahren und bisher latenten Fähigkeiten.

Diese Fähigkeiten stellt der Held fortan seinen Mitmenschen oder seinem Königreich zur Verfügung. Als Held ist er demzufolge der Mensch, der fähig ist, über seine persönlichen und historischen Grenzen hinauszugehen zu den allgemein gültigen menschlichen Formen. Er stirbt damit – im symbolischen Sinn – als Mensch der Gegenwart und wird als Unsterblicher wiedergeboren.

 

Der Mythos als Archetyp


„Erste Aufgabe eines Mythos ist es, im Individuum ein Gefühl der Ehrfurcht, des Staunens und des Einbezogenseins in das unerforschliche Rätsel des Lebens zu wecken.“

Joseph Campbell

Die Mythen, im Gegensatz zu den Märchen, werden von den traditionellen Kulturen für wahr erachtet. Da dieser Begriff im Griechischen „Wort“ oder „Geschichte“ bedeutet, sollte der Mythos als das „wahre Wort“ begriffen werden. Durch den Mythos werden die archetypischen Wahrheiten den Menschen weitergegeben, und zwar auf Grund seiner poetischen Sprache.

Der Mythos sagt immer, wie etwas geboren wurde. Seine hauptsächliche Funktion besteht darin, den Grundstein für die historischen Zeiten zu legen und damit eine Art Wegweiser für moralische Werte zu sein. Unsere vergängliche Geschichte vermag dann nicht mehr auszubrechen aus dem Rahmen, dem ihm die Archetypen vorgegeben haben. Der Mythos verbindet daher die historische mit der ursprünglichen Zeit und lässt in uns die Erinnerung an die Anfänge entstehen, als die „Welt noch in Ordnung war“. Durch die Erzählung des Mythos tauchen wir ein in diese „Zeit vor allen Zeiten“ und erheben uns damit emotional auf eine höhere menschliche Ebene. Dieser Abstand schafft sowohl Höhe als auch Tiefe.

 

Die Geburt des CuChulinn

CuChulinn führt uns in den nördlichen Sagenkreis Irlands, nach Ulster. Über die Geburt CuChulinns gibt es mehrere Überlieferungen. Eine davon berichtet, dass eines Tages Dectera, die Tochter des Druiden Cathbad, mit ihren fünfzig Gespielinnen spurlos verschwand. Drei Jahre lang wurde sie vergeblich gesucht. Vögel führten schließlich zu einem Feenhügel, wo man des Morgens einen kleinen Jungen fand, dem man den Namen Setanta gab. Das war Decteras Geschenk, sie selber blieb in der „Anderswelt“ bei Lug, dem Gott der vielen Fähigkeiten. Das neugeborene Heldenkind ist also durch seine halb göttliche Abstammung als ein Besonderer gekennzeichnet. Die Erziehung übernimmt fortan die Schwester Decteras.

 

Die Jugend

Mit fünf Jahren begibt sich Setanta zur Burg des Königs, wo er auf fünfzig Burgknaben bei der Unterweisung in ihre Waffen trifft. Setanta verstößt dabei unwissentlich gegen eine Regel und die Jungen dringen mit ihren Speeren auf ihn ein. Doch er wehrt sie alle mit Leichtigkeit ab, wirft sie zu Boden und verfolgt sie, bis der König selbst die streitenden Knaben voneinander trennt. Setanta ist aber nicht nur stark und geschickt, sondern auch klug und lässt sich durch den König ohne weiteres belehren. Dieser ordnet ihn rechtmäßig in die Gruppe der Gleichaltrigen ein, nachdem der Knabe sich wegen seiner Unkenntnis der Regeln entschuldigt hat.

 

Die Erlangung des Namens

Bald darauf war der gesamte Königshof bei einem Schmied eingeladen, wo Setanta dessen Hund durch ein Missverständnis tötet. Culann, der Schmied, ist sehr betrübt über den Tod seines Wachhundes, Setanta bietet ihm jedoch eine Sühne an: Er will selber Culanns Hund sein und seine Habe bewachen, bis ein neuer, ebenso guter Hund herangezogen sei. Von da an heißt der Knabe CuChulinn, der „Hund des Culann“. Damit erwirbt er nicht nur die Fähigkeiten des „Hundes“, sondern er bleibt auch in der Nähe und unter dem Einfluss des Schmiedes, dessen Namen ebenfalls auf den „Hund“ hinweist. Dieser wird des Knaben Ziehvater und Lehrmeister in manchen Künsten, zu denen damals sicherlich auch die magischen Fähigkeiten der Schmiede gehörten.

 

Die erste Heldentat

Wenn er nun zu seiner ersten Heldenfahrt aufbricht, so bedeutet dies nach damaligem Brauch, dass er den abgeschlagenen Kopf mindestens eines „Feindes“ zurückbringen muss. Mit seinem Lenker fährt CuChulinn auf einen Hügel, auf dem sich ein großer Steinhaufen, ein Cairn, befindet. Von dort aus dringt er in das Land seiner Feinde ein und stellt sich drei Brüdern zum Kampf.

Mit den drei Köpfen der Erschlagenen am Wagen treten sie die Heimfahrt an. Unterwegs fängt der Knabe, der sich wie in einem Rausch befindet, zwei Hirsche und acht Schwäne und bindet sie an den Kriegswagen. Und so kehrt CuChulinn „in der Raserei des Kampfes“ zur Königsburg zurück, wo man bestrebt ist, seinen Mut zu kühlen. Dazu schickt man ihm zuerst nackte Frauen entgegen, vor denen der Knabe sein Gesicht in den Händen verbirgt. Danach wird er in drei Kübel mit kaltem Wasser gesteckt. Das erste Gefäß zerspringt von seiner Hitze, im zweiten kocht das Wasser, im dritten kühlt er soweit ab, dass er zur Besinnung kommt.

Damit war seine Initiation als Krieger abgeschlossen. Nach Überschreiten dieser Schwelle beginnt für den Helden die Reise in das Unbekannte, in die Welt der Prüfungen und Proben. Unterstützt wird er dabei von den magischen Waffen bzw. Werkzeugen. Die Prüfungen stellen Wandlungsmöglichkeiten dar, durch deren Bestehen er sein Bewusstsein erheben und neue Erfahrungen gewinnen kann.

 

Aided Con Culainn  (Der Tod des CuChulinn)

Nach der Bewältigung seiner Aufgaben bleibt dem Helden noch die Rückkehr in seine göttliche Heimat. Als äußerer Anlass dient die Schlacht von Muirthmene, der Rachezug für den Tod eines Freundes und seiner 27 Söhne. Von einem vergifteten Pfeil getroffen, bindet er sich noch selbst mit seinem Gürtel an einen Steinpfeiler, um aufrecht im Angesicht der Feinde zu sterben. Die Elfenkönigin Badh lässt sich in der Gestalt einer Krähe auf seiner Schulter nieder und begleitet ihn in die „Anderswelt“. Die Reise des CuChulinn ist in dieser Welt somit zu Ende.

Diese Reise galt nicht so sehr einer Neuentdeckung, sondern vielmehr einer Wiedererlangung latenter Fähigkeiten. Er ist der Königssohn oder der göttliche Mensch, der erfahren hat, wer er ist und wie viel Verantwortung in der Ausübung seiner Macht liegt. Der Heldenmythos dient somit als Leitfaden für uns Menschen, um uns die Möglichkeiten unserer Entwicklung bewusst werden zu lassen. Dabei müssen wir uns ständig neu orientieren und die Beziehungen zu uns wie zu unserer Umwelt neu definieren. Die mühsame Überwindung der eigenen Grenzen ist dabei mit dem eigenen Wachstum verknüpft.


„Keinem bleibt seine äußre Gestalt, die Verwandlerin aller Dinge, Natur, sie lässt aus dem Einen das Andere werden. Glaubt mir, nichts in der ganzen Welt geht wirklich zugrund, es wandelt sich nur, erneut sein Gesicht.“


Ovid, aus „Metamorphosen“

 

Literatur:

• Joseph Campbell: „Der Heros in tausend Gestalten“, Suhrkamp 1978

• Michael Jordan: „Mythen der Welt“, O. W. Barth bei Scherz 2001

• I. Clarus: „Keltische Mythen“, Walter 1991

• R. T. Roberts: „Mythologie der Kelten“, Phaidon 1997

• C. S. Pearson: „Die Geburt des Helden in uns“, Knaur 1993

 

Autor: Helmut Knoblauch

 
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