Wertschätzung - Schlüsseltugend für das menschliche Zusammenleben
Wertschätzung – Schlüsseltugend für das menschliche Zusammenleben
Benehmen, Manieren und
Höflichkeit hat die moderne Gesellschaft im Verlaufe des 20. Jahrhunderts als verzichtbaren
Ballast weitgehend über Bord geworfen oder aus ideologischer Dogmatik heraus bisweilen
bewusst zertrümmert. Das so von allen Werten und Spielregeln befreite
Individuum findet sich heute in einem Trümmerfeld menschlicher Beziehungen wieder,
in dem die Ellbogentechnik das Mittel der Wahl zum persönlichen Überleben
geworden ist. Das Konzept der Wertschätzung kann einen Ausweg liefern aus einem
Zustand allgemein empfundenen Unbehagens.
Ursprünge der Umgangsformen
Dass zum gedeihlichen
Umgang aller mit allen ein gewisses allgemein verbindliches Regelwerk nützlich
ist, ist eine uralte Einsicht der Menschheit. Die Überlieferungen der alten
Kulturen bieten einen Schatz an Empfehlungen zum konstruktiven Zusammenleben.
Beispiele können wir heute noch in den Weisheitsbüchern der alten Ägypter, den
Kommentaren des Konfuzius über den „Djün Dse“, den edlen Menschen, oder in den
Schriften Ciceros finden.
Das Ziel dieser
Ratschläge war es, den Umgang der Menschen miteinander möglichst konstruktiv zu
gestalten, unnötige Verletzungen und Streit zu vermeiden. Und auch wo
Auseinandersetzung oder gar Krieg unvermeidlich waren, gab es feste Regeln, die
noch dem geschlagenen Feind seine menschliche Würde bewahrten.
In Europa wie auch in
anderen Teilen der Welt erfuhren die Umgangsformen ihre höchste Ausformung an
den Höfen der Kaiser, Könige und Fürsten. So entstand wörtlich die
„Höflichkeit“. Später gelangten manche Elemente dieses ausgeklügelten Zusammenlebens
in das Bürgertum und weitere Schichten der Gesellschaft.
Neue Herausforderungen
im 21. Jahrhundert
Die liberalisierte moderne
Gesellschaft weist heute nur noch wenige ordnende oder strukturierende Elemente
auf. Jeder hält sich selbst für den Mittelpunkt des Universums, um den alle
anderen zu kreisen haben, oder, wie im Straßenverkehr, für ein Einsatzfahrzeug
mit permanent eingeschaltetem Blaulicht. Da sind fürchterliche Zusammenstöße vorprogrammiert.
Das täglich so geschaffene Leid, ob am Arbeitsplatz oder in der Familie, kann
man nur erahnen.
Zwei Umstände sind
maßgebliche Treiber dieser ungesunden Entwicklung: Zum einen eine turbokapitalistische
Wirtschaftsweise, welche menschliche Interaktion robotisiert und nur noch als
Kosten- oder Ertragsfaktor betrachtet. Zur Illustration ist der Besuch eines
beliebigen Fast-Food-Restaurants empfohlen.
Zum anderen haben
Technologien wie Mobiltelefon und E-Mail die Anzahl der täglichen Kontakte mit
anderen Menschen um ein Vielfaches erhöht. Wo die Quantität krebsartig wuchert,
muss die Qualität notwendigerweise früher oder später leiden. Der andere wird folglich
nicht mehr als menschliches Wesen in all seinen Facetten wahrgenommen, sondern
nur noch als Schnittstelle zum Austausch von Daten und Informationen.
Heute findet dieser
Austausch immer öfter, ob im Berufs- oder Privatleben, auch über Sprach- und
Kulturgrenzen hinweg statt. Gerade dort wären Aufmerksamkeit,Einfühlsvermögen und Taktgefühl besonders notwendig.
Doch wirtschaftlicher Druck oder selbstgemachter Freizeitstreß lassen hierfür
leider immer weniger Raum.
Menschliches
Zusammenleben aus philosophischer Sicht
Vor rund 2.400 Jahren
entwarf Platon ein Modell, wie Menschen in einer Gemeinschaft gerecht und
konstruktiv zusammenleben können1). Im Ideal nimmt jeder seinen
Platz in der Gesellschaft gemäß seinen Fähigkeiten und seiner Bereitschaft zur
Übernahme von Verantwortung ein. Rechte und Pflichten stehen in einem
ausgewogenen Verhältnis und jeder erhält jene Förderung, die seiner eigenen Natur
am besten entspricht.
Die Idee einer klug strukturierten
Gesellschaft, welche das bestmögliche Abbild einer als kosmisch verstandenen
Ordnung ist, war die Grundlage für das Entstehen vieler antiker Hochkulturen. Wesentlich
dafür war ein philosophisches Verständnis der Welt, in der alles mit allem
verbunden ist, einander positiv ergänzt und auf höchster Ebene zu einer Einheit
zusammenfließt.
Nach über 2.000
Jahren künstlicher Trennung von Geist und Materie - speziell seit Aristoteles2)
- und dem Vorherrschen eines zuletzt fast ausschließlich
materialistischen Weltbildes ist das egoistische und beinahe anarchistische „Jeder-gegen-jeden“
eine logische Folge. Seit 100 Jahren schon bringt uns jedoch die Quantenphysik das
Wissen um die Einheit alles Seienden wieder auf unerwartete und eindrucksvolle Weise
zurück3).
Doch auf einen
raschen und umfassenden Paradigmenwechsel ist leider vorerst nicht zu hoffen. Zu
mächtig sind noch die sich selbst verstärkenden Kräfte des Egoismus und Materialismus.
Daher sind Begriff und Konzept der Wertschätzung möglicherweise interessant, als
eine Art Minimal- oder Grundkonsens, um eine Verbesserung in den menschlichen
Beziehungen zu erreichen.
Wertschätzung – ein
Entwicklungsweg von innen nach außen
Die Nachfrage nach Leitlinien
für das zwischenmenschliche Verhalten ist - wohl angesichts der allgemeinen
Orientierungslosigkeit - aktuell sehr groß. Der „Knigge“ ist im doppelten Sinne
des Wortes wieder in Mode4). Doch wo das tiefere Verständnis fehlt,
machen äußere „technische“ Regeln erstmal wenig Sinn.
Und so mag das
Konzept der Wertschätzung, wie es von Barbara Mettler-v.Meibom in ihrem Buch
„Wertschätzung – Wege zum Frieden mit der inneren und äußeren Natur“ formuliert
wurde5), einen frischen Anstoß geben. Die Autorin erläutert darin,
dass gegenseitige Wertschätzung grundlegend für das Zusammenwirken von Menschen
ist. Ein Mangel daran führt zu Blockaden bis hin zum Abbruch der Beziehung.
Sie zeigt auf, dass
Wertschätzung eine Tugend ist, die vom Willen abhängt. Und so ist sie, wie die
alten Philosophen sagen, auch von jedem erlernbar. Wichtige Weichen allerdings
werden dafür bereits im Kindesalter gestellt.
Wer als Kind positive
Wertschätzung erfahren hat, die Sicherheit erhielt, grundsätzlich so sein zu
dürfen wie er ist, der kann ein gesundes Selbstwertgefühl entfalten. Und wer
sich selbst schätzt, der ist später fähig, auch anderen Wertschätzung
entgegenzubringen. Der Entwicklungsweg des Menschen gleicht so einem „Werde,
was Du bist“, wo im Sinne der Psychosynthese6) Stärken und Schwächen
akzeptiert und integriert werden und im Ergebnis zu einer gereiften
Persönlichkeit führen.
Mettler-v.Meibom
unterstreicht, dass die Wertschätzung sich selbst gegenüber regelmäßiger Pflege
bedarf. Sie empfiehlt, dass wir uns ganz bewusst Zeiten der äußeren und inneren
Ruhe gönnen. Empfohlen sind Praktiken der Meditation, Innenschau, kleine
persönliche Rituale, Reflexionen, Tagesrückschau u.ä.. Wichtig dabei ist,
letztlich auch zu eigenen Gedanken und Gefühlen Abstand zu gewinnen. So können
wir Vergangenes abschließen, um Kraft für Neues zu schöpfen.
Wertschätzende
Begegnung mit anderen
Tugenden existieren
durch ihre Anwendung. So muß auch die Wertschätzung praktisch zum Ausdruck
gebracht werden. Sie ist daher eng verbunden mit der Kommunikation, einer
Kunst, die viel Fingerspitzengefühl bedarf.
Grundlegend ist, wie
so oft, die eigene innere Haltung. Gelingt es mir tatsächlich, dem anderen Respekt
entgegenzubringen oder lehne ich ihn aus bestimmten Gründen ab? Von welchen
Vorurteilen, Maßstäben, Emotionen etc. lasse ich mich momentan gerade leiten?
Ein solcher Dialog mit
sich selbst hilft der inneren Reinigung, stärkt die Authentizität und ist
unerlässlich für einen wertschätzenden Umgang. Der Gesprächspartner nimmt
unsere Haltung in der Regel sehr genau wahr, oft sogar so präzise wie ein
hochempfindlicher Seismograph.
Einleitender
Bestandteil einer wertschätzenden Kommunikation ist die Begrüßung. Sie drückt
in elementarster Form das Wahrnehmen des und damit den Respekt vor dem anderen
aus. Nicht zu grüßen hieße, den anderen nicht einmal in seiner bloßen Existenz
anzuerkennen. Aufgrund ihrer Bedeutung wurde die Begrüßung in manchen Kulturen sogar
zu einer Stunden dauernden Zeremonie erhoben. Auch kleine Geschenke gehören im
übrigen zum Auftakt einer wertschätzenden Begegnung.
Das Sprechen hernach
baut, ganz für sich genommen, eine weitere Brücke von Mensch zu Mensch. Daher rührt
z.B. die Kunst und der Wert des sogenannten „Small Talks“. Themen, Worte und
Formulierungen bedürfen im einzelnen selbstverständlich der wohlüberlegten
Auswahl, will man unnötige Störungen in der Kommunikation vermeiden.
Ein gutes Gespräch
lebt weiters von einer richtigen Dosis Humor, von ehrlich gemeinten Fragen, der
Fähigkeit, Punkte offen zu lassen sowie der aufmerksamen Integration aller ihrer
Teilnehmer. Ausgesprochenes Lob und Anerkennung sind besonders gut, wenn sie auch
eine Begründung miteinschließen. Als Leitlinie gilt, niemanden zu beschämen
oder in seinem Wert herabzusetzen, Klatsch und Tratsch grundsätzlich zu
vermeiden. Die gewählten Worte sollten stets Wahrheit, Respekt und Achtsamkeit
vermitteln.
Der Blick ist daneben
eine weitere Form wertschätzender Kommunikation. Die Augen sind, so heißt es,
das Tor zur Seele und können Verbindungen schaffen, auch ganz ohne Worte. Wie
die Sprache ist aber auch der Blick eine Waffe, die mit Vorsicht zu benutzen
ist.
Das mächtigste Mittel
für eine wertschätzende Kommunikation ist schließlich das Zuhören. Wer fähig
ist, in interessierter und einfühlender Weise zuzuhören, ohne eigene Kommentare
und Ratschläge zu geben, der kann oft Wunder bewirken. Dies wusste schon
Sokrates, der es vermochte, nur durch Fragen, das Beste im Menschen im Wege der
Selbsterkenntnis hervorzuholen. Dies ist dann wohl die höchste Form von
Wertschätzung.
Autor: Walter Krejci
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1)In seinem Hauptwerk „Der Staat“ (griech.
Politeia) definiert Platon das Wesen der Gerechtigkeit und leitet daraus das
Idealbild einer Gesellschaftsordnung ab.
2)Die Philosophen bis einschließlich Platon
betonten die Einheit von Geist und Materie, von Schöpfer und Schöpfung. Im
Sinne des sogenannten „Pantheismus“ hatte für sie alles Anteil am Göttlichen. Die
Bedeutung einer solchen Auffassung für Wertschätzung und Ethik sind
offenkundig.
3)Eine Zusammenfassung der neuesten philosophisch-wissentschaftlichen
Erkenntnisse mit einem umfassenden Quellenverzeichnis bietet das Buch „Gottes
geheime Gedanken“ von V.J.Becker, erschienen 2006 im Verlag Books on Demand,
Norderstedt.Der Autor wählt für dieses
alte und neue Weltbild die Bezeichnung „Pantheistischer Idealismus“. Moderne
Physiker sprechen von der impliziten Ordnung (David Bohm) oder dem bewussten
Universum (Amit Goswami).
4)Moritz Freiherr Knigge, ein Nachfahre des zum
Klassiker gewordenen Autors, brachte 2006 ein Buch mit dem Titel „Spielregeln –
wie wir miteinander umgehen sollten“ heraus, erschienen im Gustav Lübbe Verlag.
5)Erschienen 2006 im Kösel-Verlag.
6) Diese Richtung der
Psychologie bzw. Psychotherapie geht auf Roberto Assagioli zurück. Assagioli
postuliert ein Höheres Selbst, eine Willenskraft, einen göttlichen Funken im
Menschen, der es ihm ermöglicht, seelische Prozesse selbst in eine positive Richtung
zu lenken.
Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 4. Dezember 2008 )