Alchemie
Ein alchemischer Prozess?
Kennen Sie die Situation? Sie stehen in einem Museum ganz unvermittelt
vor einem Gemälde (wie z.B. Bild 1) zu dem Sie keinen Zugang finden,
auch steht kein Titel an der Wand, der Ihnen weiterhelfen
könnte...könnte es vielleicht Charles Edison bei der Erfindung der
Glühbirne sein....?
Doch glücklicherweise haben Sie einen Freund dabei,
der Ihnen etwas über den Maler und die Epoche, in dem das Kunstwerk
entstanden ist, erzählen kann. Auch die mehr oder weniger verborgene
Symbolik kann er Ihnen näher bringen. Nachdem Sie das Gemälde also
„durchanalysiert" haben, nehmen Sie sich noch einmal die Zeit und
betrachten das Gemälde in Ruhe, mit eigenen Augen! Und auf einmal hat
Ihnen das Gemälde etwas Persönliches zu sagen, etwas das Sie vorher
nicht wahrgenommen hatten...Dieser Prozess der Veränderung ist ein
alchemischer Prozess!
Nun, was hat aber diese Situation mit dem Stein der
Weisen, mit der Verwandlung von Blei in Gold zu tun? Dieser Verbindung
wollen
wir jetzt, falls Sie wollen, gemeinsam nachspüren.
Wurzeln der Alchemie
Fangen wir bei dem Wort „Alchemie" an. Es gibt
viele verschiedene etymologische Herleitungen des Wortes; eine, mir am
verständlichsten, ist die aus dem Arabischen, „Al-kymiya", wobei „al"
lediglich ein Artikel ist, der Wortstamm sich aber von dem
altägyptischen Wort „kem" ableiten lässt. „Kem" nannten die alten
Ägypter ihr Land, es bedeutete schwarze Erde. Und in diesem alten
Ägypten finden sich auch die Wurzeln der Alchemie.
Eine Kraftquelle war die hermetische Philosophie,
welche von dem legendären Hermes Trismegistos begründet wurde. Ein paar
wichtige Prinzipien möchte ich kurz erwähnen:
- die vielleicht wichtigste Lehre ist „wie oben, so
unten" oder „wie im Kleinen, so im Großen". Das heißt nicht mehr und
nicht weniger als dass im Mikrokosmos die gleichen Gesetze und Regeln
gelten wie im Makrokosmos, dh der Mensch kann als ein Abbild der Natur,
aber auch des Universums verstanden werden. In der apokryphen Schrift
des Thomas-Evangelium heißt es sinngemäß: Wer sich selbst erkannt hat,
der hat auch schon die Erkenntnis über die Tiefe des Alls erlangt. Der
berühmte Wissenschaftler Newton, von dem man erst seit wenigen Dekaden
weiß, dass er ein Alchemist war, entwickelte die Gesetze der
Schwerkraft auf der Erde, projizierte sie aber auf die Umlaufbahnen der
Planten im All.
- das Prinzip der Wandlung ist weiterhin ein
bestimmendes Element dieser Philosophie. Alles um uns herum unterliegt
einer Wandlung, seien es untergegangene Reiche, die Pflanzen auf dem
Balkon oder die Sonne am Himmel. Alles unterliegt dem Rhythmus der
Geburt, des Wachstums, der Reife, des Niedergangs, des Todes und der
Wiedergeburt. Der Tod ist also nur der Humus für neues Leben.
- es ist also alles lebendig, beweglich; so waren
die Erze für die Alchemisten wie Embryonen, die in der Mutter Natur
heran reiften und am Ende der Reifung zu Gold wurde
n. Dadurch, dass der
Alchemist die Erze/Metalle aus der Erde heraus nimmt und veredelt, also
zur Reifung bringt, beschleunigt er den natürlichen Prozess, er hilft
der Natur, er befreit quasi das Metall von den Fesseln der Zeit. Hier
zeigt sich die starke Verbindung der Alchemie zur Natur.
- bevor jedoch diese Prinzipien in den hermetischen
Schulen gelehrt wurden, stand die moralische Ausbildung der Schüler;
denn wie alles was wir kennen hat auch die Philosophie zwei Seiten; sie
ist wie ein zweischneidiges Messer, in der Hand eines Mörders kann es
Leben vernichten, in der Hand eines Arztes Leben retten. Die
Hermetiker, und in ihrer Tradition auch die Alchemisten, kleideten ihr
Wissen in eine Geheimsprache, die nur Menschen mit einem gewissen
Kenntnisstand erfahren konnten. Auch heute hat das Wort „hermetisch"
die Bedeutung der Abgeschlossenheit. Die Geheimsprache bestand aus
Symbolen, deren Kraft in der Mehrdeutigkeit liegt. Diese zei
chnete sich
jedoch nicht durch Willkürlichkeit aus, sondern durch das Eröffnen
neuer Antworten und Erkenntnisse, je nach Bewusstseinsstand des
Fragenden. Heute haben wir auch Symbole, allerdings eher
eindimensionale wie in der Chemie, beispielsweise drückt der chemisch
Name 1βD Galactopyranosyl-4βD-glucopyranosid die Formel für Milchzucker
(Lactose) aus.
- ein wichtiges Symbol für die Alchemisten war der
Merkur; er versinnbildlichte den universellen Geist, der alles
durchdringt, in allem innewohnt und auch das Göttliche genannt wird.
Ein Beispiel für die Befreiung dieses Geistes ist das Erhitzen von
Zinnober. Dieses Mineral besteht nur aus Quecksilber und Schwefel
(HgS), es ist ein rötliches, amorphes Pulver und beim Erhitzen entsteht
elementares Quecksilber (engl. mercury); dieses Metall ist das einzige,
welches bei Raumtemperatur flüssig ist und es bildet perfekte
Kügelchen, wenn man es über den Boden rollen lässt. Der Geist, der
Merkur, wird also durch das Feuer (Hitze) von seiner materiellen Fessel
befreit (entspricht dem Tod des Zinnober oder der Verbindung Hg und S);
und diesen Geist wollten die Alchemisten einfangen. In diesem Sinne
trägt das Zinnober das Geheimnis der Befreiung des Geistes durch den
Tod.
- Ein weiterer Pfeiler der Alchemie war der
Mythos, welcher seit jeher einem Volk Identität stiftet, die Welt
erklärt, also erzieherisch wirkt. Ein solcher Mythos ist der des
griechischen Gottes Prometheus. Aus Liebe bringt dieser den Menschen
das Feuer, jedoch gegen den Willen Zeus, woraufhin dieser Prometheus
bestraft und an einen Felsen kettet. Jeden Tag kommt ein Adler vorbei
und stillt seinen Hunger an Prometheus Leber, die jedoch, da er
unsterblich ist, jeden Tag wieder nach wächst. Erst Herkules hat ein
Einsehen mit ihm und befreit ihn von seiner Qual. In diesem Mythos
finden wir drei bestimmende Begriffe: Leben (Leiden)-Prometheus leidet,
weil die Menschen kein Feuer besitzen, Tod-Bestrafung des Prometheus,
und Auferstehung-seine Befreiung. Die Menschen nahmen Ante
il an diesen
Geschichten, sie projizierten die Wandlung der Götter auf ihre
Verwandlung und genau dieser Verwandlung spürten die Alchemisten nach.
Das Feuer brachten also die Götter, doch
auch das Feuer hat zwei Seiten. Zum einen die zerstörerische und zum
anderen die wärmende, die verschmelzende. Es bedarf also einer gewissen
Meisterung dieses Elementes. Die Schmiede waren die ersten Meister des
Feuers, des Agens der Verwandlung. Die Alchemisten standen in der
Tradition der Schmiede und waren deren Nachfolger in der Umwandlung der
Metalle.
Dass die Umwandlung der Elemente ineinander
möglich ist, zeigte Aristoteles, der den vier Elementen Erde, Wasser,
Feuer, Luft gemeinsame Eigenschaften (feucht/trocken, heiß/kalt)
zuwies. So waren die Elemente zwar verschieden, aber doch eins und
somit ineinander umwandelbar. Wenn beispielsweise Wasser erhitzt wird,
so verdampft es und „verwandelt" sich in Luft.
Opus magnum
Die Alchemie kam im 11. Jhdt nach Europa, wohl mit
den Kreuzzügen, und auf die Alchemie des Abendlandes möchte ich mich
hier beschränken. Es soll kurz darauf hingewiesen werden, dass die
Alchemie auch eine große Tradition in China und Indien besaß.
Die Arbeit der Alchemisten fand in entsprechend
eingerichteten Laboren statt, umgeben von verschiedenen Öfen
(verschiedenen Temperaturen) und Destillierapparaturen zur Reinigung
ihrer Substanzen. In diesen Laboren vollzogen sie ihr „opus magnum",
wie sie sagten, ihr großes Werk. Dieser Prozess bestand im Wesentlichen
aus drei Stadien, auch wenn sich viele Alchemisten nicht daran hielten
und von vier oder gar fünf Stadien sprachen. Dies unterstreicht nur
dass die Alchemie nicht eine homogene Bewegung war, sondern durchaus
sehr differenziert zu betrachten ist; die Leitsterne aber waren die
gleichen, und um diese Sterne soll es hier gehen...
Das erste Stadium wurde als „nigredo" (schwarzes
Stadium) bezeichnet: Kennzeichnend hierfür war die Suche nach der prima
materia. Dies war die Materie im Urzustand, die zuerst gefunden werden
musste, wenn man das große Werk beginnen wollte. Durch einen Prozess
des Verrottens, der Zersetzung sollte diese Ausgangssubstanz gefunden
werden. Die Substanzen mussten also in ihre kleinsten unzerteilbaren
Elemente zersetzt werden. Hatte er eine solche schwarze Substanz in
seinem Kolben, so wähnte sich der Alchemist auf der richtigen Spur zum
zweiten Stadium. Dieses trägt den Namen „albedo"(weißes Stadium). Es
wurde auch Silber- oder Mondzustand genannt und ist die Übergangsstufe
zum dritten Stadium „rubedo" (rotes Stadium). An diesem Punkt
angekommen, hielt der Alchemist endlich den lapis, den Stein der Weisen
in seinen Händen....
Hielt er ihn denn wirklich in den Händen? Gab es
diesen lapis wirklich und was ist die prima materia? Es gibt viel
sagenhafte Geschichten über den Stein der Weisen und die
Ausgangssubstanz. Die Alchemisten widersprachen sich in ihren
Beschreibungen dieser beiden nicht gerade unwichtigen Substanzen. Für
die prima materia gibt es verwirrend viele Synonyme wie Quecksilber,
Eisen, Gold, Luft, Feuer, Tau usw. Und der lapis war etwas Kostbares
ohne Wert, ein Stein, der kein Stein ist. Um zu begreifen, was das
alchemische Werk für die Alchemisten bedeutete, müssen wir uns von der
materiellen Ebene lösen und versuchen den Prozess symbolisch zu
verstehen und auf eine geistige Ebene zu heben. Demnach wäre das
Stadium des nigredo gleich dem unbewussten oder schlafenden Menschen,
im darauffolgenden Stadium bahnt sich die Erkenntnis an und im dritten
Stadium ist der Mensch bewusst, aufgewacht. Der lapis ist der befreite
Geist oder auch die göttliche Erkenntnis. Der Prozess ist wie ein
Zyklus, vom Sonnenuntergang über die Dämmerung zum Sonnenaufgang.
Paracelsus, der bekannte Alchemist (16 Jhdt) sagte: „Du kannst nur
transmutieren, wenn du dich selber zuvor transmutiert hast"; und dies
spiegelte sich wider in ihrem Alltag. Sie arbeiteten nicht nur im
Labor, sondern meditierten und beteten. Und darum geht es bei der
Alchemie im Wesentlichen. Die Spiegelung der Erfahrungen der
materiellen (metallischen) Ebene auf die der geistigen und umgekehrt!
Für C.G. Jung, den bekannten Psychologen, war die Alchemie in diesem
Sinne die Projektion des Individuationsprozesses auf chemische
Verwandlungen.
Der bekannteste Verwandlungsvorgang, der nur unter
Zumischung des lapis gelang, war wohl der von Blei zu Gold. Ob einzelne
Alchemisten wirklich Gold herstellen konnten, ist der Stoff vieler
spannender, legendärer Geschichten. Im British Museum zumindest ist ein
Goldklumpen ausgestellt, der, so sagen es Zeugen, in einem alchemischen
Prozess hergestellt wurde. Mindestens ebenso bedeutend ist jedoch die
symbolische Auslegung dieses Umwandlungsprozesses. Blei ist das
schwerste Metall. Wer schon mal eine Bleischürze beim Röntgen umhatte,
der weiß, dass Blei regelrecht nach unten zieht. Gold hingegen ist das
edlere Metall, es ist sehr weich und wurde damals wie heute als
Kultgegenstand verwendet. Es hatte also schon immer eine spirituelle
Anbindung, es zieht also nach oben, im Gegensatz zum Eisen, das härter
ist, sich als Waffe eignet und daher eine negative Symbolik besaß. Das
ästhetische, sonnenfarbene Gold wirkt vollkommen, ja unsterblich und
wurde als Trinkgold zu Heilung von Krankheiten oder gar als
Lebenselixier zur Linderung der „Krankheit" Tod verwendet. In einem
Aspekt ist das Blei krankes Blei und das Gold geheiltes Blei. Man
könnte auch sagen die Goldherstellung symbolisiert die Verwandlung von
Schwächen in Stärken. Es geht also um die Vervollkommnung des Geistes,
gespiegelt in der Veredelung des Bleis zu Gold. Ein chinesisches
Sprichwort sagt:" ein Mensch, der loslässt, hat wieder zwei Hände
frei". Hier finden wir die Verbindung zum Mythos und seinen drei
Begriffen, Leben(Leiden)-Tod-Auferstehung. Das Blei leidet an seinem
unedlen Zustand wie der Mensch, der bisweilen Leidensdruck zu
Veränderung spürt. Doch vor der Verwandlung steht der Tod (siehe
nigredo), das Blei wird in seine Einzelteile zerlegt wie der Mensch,
der sich von Gewohnheiten oder Überzeugungen trennen muss, wenn er sich
weiterentwickeln will. Die Auferstehung zeigt sich in der Heilung des
Bleis zum Gold, und beim Menschen in der „Vergoldung" seines
Bewusstseins.
Der chemische Weg des opus magnum wurde
häufig in sieben Stufen beschrieben, die der Alchemist betreten muss,
um zum Stein der Weisen, zur heiligen Tinktur, zu gelangen.
1. Caltination, 2. Sublimation, 3. Solution, 4. Putrefaction, 5. Distillation, 6. Coagulation, 7. Tinctur
Auffällig ist die Gewichtung. Die ersten fünf
Stufen beschäftigen sich mit den Prozessen der Reinigung, des Zerlegens
der Materie, der Darstellung der prima materia. Dem Tod wird also eine
gewichtige Rolle eingeräumt, erst auf der sechsten Stufe kommt es zur
Vereinigung und dann schließlich zum Gipfel des alchemischen Glücks.
Hinter diesem Prozess steht ein wichtiges alchemisches Prinzip: SOLVE
ET COAGULA. Zuerst muss also die Materie solvatiert, gelöst, in ihre
Einzelteile zerlegt und dann wieder coaguliert, zusammengefügt werden.
Auf den Menschen übertragen ist das der Hinweis, bei einem Problem oder
einer geistigen Veränderung nicht in der Analyse hängenzubleiben,
sondern anschließend die Synthese zu wagen. Am Anfang sieht man ein
Gemälde; am Ende sieht man dasselbe Gemälde, aber mit einem anderen,
höheren Bewusstsein!
Diese Verwandlung beschreibt einen Zyklus,
denn nach der „Auferstehung" folgt alsbald wieder der Leidensdruck. Der
Mensch entwickelt sein Bewusstsein leider nicht in einem Sprung,
sondern in vielen, vielen kleinen Schritten. Als Symbol dafür
verwendeten die Alchemisten den Ouroborus, ein Drache, der sich in den
Schwanz beißt. Das opus magnum wurde daher auch circulare genannt. Hier
wird die ewige Wiederkehr symbolisiert. Flüchtig betrachtet scheint es,
dass man sich im Kreis dreht, man kommt wieder da an, wo man angefangen
hat. Schaut man jedoch (im Geiste) seitlich auf den Kreis, so
entwickelt sich eine Spirale mit Zug nach oben. Der Weg nach oben (im
Bewusstsein) geht also nicht geradlinig, sondern in Spiralen...
Erinnern sie sich noch an Bild 1? Blättern
sie nach oben...Der Titel (siehe Bilderquelle) lässt uns das Bild nun
besser einordnen. Es handelt sich um einen Alchemisten auf der Suche
nach dem Stein der Weisen. In dieser Zeit wurde der weiße Phosphor
entdeckt, der aufgrund seiner Phosphoreszenz im Dunklen leuchtet und
mit dem Wert von Gold aufgewogen wurde. Auf der symbolischen Ebene des
Bildes lässt sich der sakrale Bezug der Alchemie vermuten. Der weise
Mann kniet vor dem leuchtenden Kolben, mit Blick nach oben, die Gestik
abwartend, vorsichtig oder erschreckt? Ist hier gerade der Moment der
Erleuchtung...der Erkenntnis des Göttlichen abgebildet? Auch das Labor
wird eher als das sakrale Innere einer Kathedrale als eine schmutzige
Experimentierstätte beschrieben...
Niedergang der Alchemie
„Nach Golde drängt,
Am Golde hängt
Doch Alles, Ach wir Armen!"3
Johann Wolfgang von Goethe: Faust
Auch für die Alchemie gilt das Prinzip des
Zyklus und im Gold lag das Potential zur Degenerierung dieser
Wissenschaft. Wie es Goethe in seinem Faust sagt, in einem Werk, das
stark von alchemischen Gedankengut durchdrungen ist, so wurde die
Gewinnung von Gold immer wichtiger. Fürsten stellten Alchemisten ein,
um ihre maroden Finanzen aufzupolieren. Die Gier nach Gold lies
bisweilen die Verwandlung auf der materiellen Ebene übermächtig werden.
Die Aufklärung brachte den Menschen Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit und im Gefolge die Säkularisation. Die berühmten Worte
von Descartes:" Ich denke, also bin ich" eröffneten ein neues
Menschenbild. Der Mensch konnte also nun Kraft seines Verstandes seine
Existenz erklären, etwas das vorher immer dem Göttlichen eigen war. Der
Mensch stellte sich somit über das Göttliche. Die geistige, vom
Göttlichen inspirierte Welt verlor ihr Daseinsrecht und die heilige
Wissenschaft der Alchemie wurde säkularisiert. Es entstand seine kleine
„entheiligte" Tochter, die Chemie. Die Alchemie folgte der Natur, die
neuen Wissenschaften versuchen sie zu unterwerfen. Die „alten"
Wissenschaften hatten eine Anbindung zur Religion und zur Kunst. Diese
Verbindung wurde nun zerschnitten. In der aufstrebenden industriellen
Gesellschaft galt (gilt) die Ideologie des unendlichen, linearen
Fortschritts, und zwar durch die totale Verwandlung der Natur, ihre
Umwandlung in Energie.....doch auf welcher moralischer Grundlage...?
Der Mensch setzt sich an die Stelle der Zeit. Er führt damit zwar einen
Traum der Alchemisten fort, jedoch ausschließlich auf der materiellen
Ebene! Der Mensch wird zum zeitlichen Wesen und durch seine
säkularisierte Arbeit, die sich in Stunden und verbrauchten
Energiemengen bemisst, erfährt er ein starkes Empfinden der
Langsamkeit, Schwere und Unerbittlichkeit der Zeit. Ist es vielleicht
doch keine Errungenschaft die Zeit zu kontrollieren...?
Nehmen wir uns nochmal die Zeit, um das Bild des Alchemisten mit
eigenen Augen anzusehen, wagen wir die Synthese...vielleicht lässt das
Bild jetzt etwas in uns anklingen....
Die Alchemisten hatten einen kühlen Kopf. Den
brauchten sie beim Studium und Experimentieren. Sie besaßen ein
brennendes Herz, mit dem sie die Erfahrungen von der materiellen auf
die geistige Ebene übertragen konnten und umgekehrt. Und sie hatten
tätige Hände, denn sie versuchten ihr Wissen in den Dienst der
Gemeinschaft zu stellen.
Heute haben wir kühle Köpfe genug in unserer
Gesellschaft, doch wie sehr sind unsere Hände tätig und wie sehr brennt
unser Herz?
Bilderquellen:
1: The Alchemist in Search of the Philosophers Stone (1771) von Joseph Wright of Derby;
Vollständiger Titel: The Alchymist, In Search of
the Philosopher's Stone, Discovers Phosphorus, and prays for the
successful Conclusion of his operation, as was the custom of the
Ancient Chymical Astrologers
Quelle: http://www2.truman.edu/~ramberg/wright.jpg
2: Kupferstich von Lucas Jennis, aus De Lapide Philisophico (1625)
Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Ouroboros
3: Johann Wolfgang von Goethe, Faust, Vers 2802-04
Bücherquellen:
- Helmut Gieberlein, Alchemie, Diederichs Kompakt, 2004
- Neil Powell, Die Wissenschaft der Alchemisten, Ullstein, 1980
- Mircea Eliade, Schmiede und Alchemisten, Klett-Cotta, 1980
- Exegese von W. Gutdeutsch aus C.G.Jung, Alchemie, Grundwerk 6
DVD:
- W.Gutdeutsch, Alchemie des Alltags, Neue-Akropolis Verlag, 200?
- gute Internetquelle: http://www.levity.com/alchemy
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